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Steffenshagen
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Die Dorfkirche in Steffenshagen

Sonnabend, 2. Juni 1917. In Europa wütet der Krieg. An den Fronten im Westen und im Osten haben in den erbitterten Grabenkämpfen inzwischen Millionen von Soldaten ihr Leben verloren. Und in der Heimat fragt man sich, wie viele Opfer dieser Krieg noch fordern wird? Auch in Steffenshagen sind derweil 8 Opfer zu beklagen. Die Steffenshagener betrauern ihre gefallenen Ehemänner, Väter, Söhne. Und wie vielerorts im Deutschen Kaiserreich sehnen sich auch hier die Menschen nach Frieden.

Kirche Steffenshagen

Da passiert es. Am Nachmittag zieht ein starkes Gewitter auf, das nach den heißen Tagen im Mai den langersehnten Regen und Abkühlung zu bringen verspricht. Kurz nach 8 Uhr jedoch schlägt ein Blitz in die Spitze des Dachreiters auf der Steffenshagener Kirche ein. Trotz strömenden Regens breitet sich binnen kürzester Zeit im Dachstuhl der Kirche ein Feuer aus, und die wenigen, eiligst herbeigerufenen Rettungskräfte stehen mit ihrer spärlichen Ausrüstung dem Flammeninferno machtlos gegenüber, als das Feuer bereits auf das Kircheninnere übergegriffen hat. Es mangelt an erfahrenen Feuerwehrleuten. Wenn diese überhaupt noch am Leben sind, dann in den Schützengräben an der Front.

Gegen zwei Uhr morgens ist bis auf die mittelalterlichen Feldsteinmauern alles heruntergebrannt.

Die älteren Steffenshagener erinnern sich an den April 1859. Damals war ihre Kirche schon einmal, ebenfalls durch Blitzschlag, einem Brand zum Opfer gefallen, und auch damals waren nur die Außenmauern erhalten geblieben. Ein Jahr brauchte es, bis das neue Gotteshaus wieder eingeweiht werden konnte. Jetzt, im Jahre 1917, sind die Lebensverhältnisse aber andere, als dass ein zügiger Wiederaufbau der Kirche überhaupt in Betracht käme. Und doch treffen trotz dieser Katastrophe bereits am 22. Juni in Anwesenheit des Kirchenpatrons Klotz aus Streckenthin, des amtierenden Pfarrers Ramdohr aus Schönhagen, der Kirchenälteste Pöhls, die Kirchenvorstände Krafack und Fürböter sowie der Gemeindevorsteher Müller zu einer beratenden Sitzung zusammen. Eingeladen haben sie Dr. Ing. Curt Steinberg aus Berlin, Leiter des kirchlichen Bauamtes im Evangelischen Konsistorium der Mark Brandenburg. Verhandelt wird der mögliche Wiederaufbau der Dorfkirche und die zu erwartenden Kosten. Bereits vierzehn Tage später trifft man sich erneut. Curt Steinberg hat inzwischen genauere Kostenberechnungen aufgestellt; Summen werden genannt und auch die Patronatsbeiträge verhandelt. Die zu erwartende Versicherungssumme wird zur Deckung der Kosten für den Wiederaufbau aber bei weitem nicht ausreichen. Und so beginnt trotz der Notzeit im letzten Kriegsjahr und in den ersten Nachkriegsjahren der mühsame und sich in die Länge ziehende Prozess der Antragstellungen auf Fördermittel, auf Zuschüsse und die Aufstockung der Eigenmittel durch Spendenaufrufe. 1920 ist die Finanzierung gesichert, sodass mit dem Wiederaufbau der Kirche begonnen werden kann
Nach Vorgabe des Bauherrn soll die Kirche diesmal einen massiven Turm aus Stein erhalten.

Kirche Steffenshagen

Wegen der sehr dicht am Grundstück vorbeiführenden Straße und den angrenzenden Nachbargrundstücken hätte ein Turm aber nur seitlich der Kirche Platz. Den Entwurf liefert Curt Steinberg, der auch den Wiederaufbau überwachen wird. Er entscheidet sich für eine andere Lösung. Indem er die Länge des erhalten gebliebenen Kirchenraumes um eine Fensterachse verkürzt, schafft er Raum für einen Turmschacht, der in Ziegelbauweise aufgemauert wird. Die Aufmauerung erfolgt in drei, sich nach oben hin verjüngenden Turmstufen, den Orgelraum im ersten, die Uhrenstube im zweiten und den Glockenraum im dritten Obergeschoss. Die Feldsteinmauer im Westen, die er zuvor hatte vollständig abtragen lassen, wird jetzt wieder in mittelalterlicher Manier bis zur Traufhöhe hochgezogen. In ihrer Mitte entsteht das neue, rundbogige Kirchenportal. Und an die Stelle des zerstörten Satteldaches setzt Steinberg ein steil nach oben strebendes Walmdach, durch dessen Konstruktion das Kirchenschiff eine stattliche Höhe erreicht. Als Abschluss nach oben wählt er eine raumgreifende, aus Holz gebaute Tonnendecke. Sie lagert auf einem profilierten Kämpfergesims und spannt sich über den gesamten Kircheninnenraum. Im Chor- bzw. Altarraum wölbt sie sich als Konche über den Kanzelaltar. Zwei Querbalken, die durch geschnitzte Hängesäulen mit der Decke verbunden und am Kämpfergesims verzapft sind, unterbrechen die Raumhöhe. Optisch geben sie dem Kirchenschiff eine Dreigliederung.

Durch jeweils drei große Rundbogenfenster auf den Längsseiten des Raumes fällt Tageslicht in das Kirchenschiff, die bis Ende der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts übrigens einzige Lichtquelle. Der Fußboden ist mit einfachen Ziegeln gepflastert. Das Kirchengestühl beidseitig eines Mittelganges bietet Platz für 108 Personen.

Kirche Steffenshagen

Das Bemerkenswerteste an der Dorfkirche Steffenshagen ist allerdings die einheitliche und bis heute unverändert gebliebene Innengestaltung von 1921/ 22. An den Kirchenmaler Robert Sandfort war der Auftrag zur Gestaltung und Ausmalung ergangen. Als Form gebendes Element wählte er den Akanthus, ein historisierendes Bildmotiv, das sich überall wiederholt. Am Kanzelaltar, dem Patronatsgestühl, der Taufe, an der Orgelempore und dem Orgelprospekt. Vor allem entfaltet sich diese Motiv in geradezu barocker Opulenz an der Tonnendecke. Auf rotem Grund rankt sich das in Weiß und Grau ausgeführte Akanthusmotiv baumartig von unten nach oben und zu den Seiten hin. In gleichmäßig rhythmischen Schwingungen überspannt es die gesamte Decke wie ein schützendes Dach. Und aus den Ranken sprießen Blüten und Fruchtstände. Keine Blüte, keine Frucht gleicht der anderen. An keiner Stelle erkennt man die Zuhilfenahme von Schablonen, alle Malerarbeiten sind aus freier Hand ausgeführt. Eine erstaunliche Leistung. Allein die Holztonnendecke misst ca. 158 Quadratmeter. Robert Sandfort ist hier ein wahres Meisterstück gelungen. Übrigens das Einzige dieser Art, obwohl Sandfort in Brandenburg und auch andernorts ein vielbeschäftigter Kirchenmaler war. In Erstaunen versetzt die Feststellung, dass die Steffenshagener Kirche seit ihrer Einweihung im Jahre 1922 weder baulich noch gestalterisch verändert worden ist, sich also bis ins Detail im Originalzustand präsentiert. Die vollständig erhalten gebliebenen Bauunterlagen und Endabrechnungen geben Auskunft über alle Gewerke, die am Wiederaufbau beteiligt waren. Für restauratorische Maßnahmen wichtige Hinweise, und aus denkmalpflegerischer Sicht gewiss ein Glücksfall. Andererseits haben die vergangenen 90 Jahre deutliche Spuren des Alterns hinterlassen. Die einmanualige, mit 5 Registern ausgestattete Orgel, opus 100 der Firma Schuke, Potsdam, ist seit Jahrzehnten nicht mehr bespielbar und bedarf einer kostenintensiven Reparatur, wenn sie für die Zukunft gerettet werden soll. Auch an der Bausubstanz selbst müssen notwendige Reparaturen vorgenommen werden. Dringender Handlungsbedarf besteht weiterhin bei der Bekämpfung des Holzwurms, der auch das „Flagschiff“ der Kirche, die Tonnendecke, gefährdet.

Kirche Steffenshagen

Die für einen Erhalt der Kirche notwendigen Maßnahmen kann die Kirchengemeinde aus eigenen Mitteln jedoch nicht finanzieren. Deshalb wird sie auf Fremdfördermittel und Spenden angewiesen sein. Wie andere Orte im Umkreis ist auch die Kirchengemeinde Steffenshagen dem Kirchsprengel der Stadt Pritzwalk zugeordnet, und Gottesdienste finden in der Dorfkirche nur noch gelegentlich statt. Der Heimatverein Steffenshagen hat sich deshalb verpflichtet, dieses dörfliche Kleinod zu schützen und mit Leben zu füllen. Er hat damit begonnen, dieses Baudenkmal in das soziale und gesellschaftliche Gemeindeleben Steffenshagens zu integrieren. Er öffnet die Kirche als Begegnungsstätte für besondere Anlässe, wohin Besucher auch von außerhalb zu kulturellen Veranstaltungen eingeladen werden können.

Text: Udo Piekarek

Für Ihre Wünsche und Anregungen: Kontakt: webmaster@nikolai-pritzwalk.de oder postalisch: Maxim Burtsev, Grünstrasse 26, 16928 Pritzwalk
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